"So kennen wir euch ja gar nicht...", "... was die plötzlich aus sich herausholen...!"

Solche und ähnliche Kommentare hört man häufig, wenn etwa Kollegen ihre Schüler auf einmal auf der Bühne spielen, singen und tanzen sehen und hören. Freitags, wenn sich gegen Mittag das Mariengymnasium leert, treffen sich Arbeitsgemeinschaften, u.a. auch die Musical- AG, um an einem neuen Stück zu arbeiten. Die Band baut ihr Equipment auf, die Schauspieler machen sich warm, die Techniker trinken ihr „alkoholfreies Weizenbier“....

Das kontinuierliche Arbeiten im Schatten von Lehrplänen, Noten und Zentralabitur dient einer gemeinsamen Sache:
Es wird eine Premiere geben, es werden etliche Aufführungen vor möglichst vollem Haus zu bestehen sein, es wird Aufregung geben, Krisen, Streit und Stress- und dann einfach dieses unbeschreibliche Gefühl, das nur die kennen, die einmal auf einer Bühne gestanden haben.
Durchhaltevermögen, Konzentration, Geduld, Kreativität, Rücksichtnahme- immer wieder wird gesagt, dass diese sogenannten Sekundärtugenden eine große Rolle spielen. Das mag zwar sein, wir aber denken, dass es hauptsächlich die Kunst selbst ist, die im Mittelpunkt stehen soll: Das Stück, die Geschichte, die Musik, der Tanz. Denn der beste Pädagoge ist die Kunst selbst. Seit 1998 werden am Mariengymnasium Musicals inszeniert, zum Teil Eigenproduktionen, zum Teil Werke des deutschen Repertoires. Dabei bemühen wir uns, vor allem moderne Stoffe auf die Bühne zu bringen, die einem zeitgemäßen Begriff von Schultheater entsprechen. Wir erleben, dass die Schüler in der Auseinandersetzung mit diesen Stoffen wachsen, dass sie die Welt in und hinter den Worten entdecken und sich zu Eigen machen, dass sie lernen was das heißt: dass Bretter eine Welt bedeuten. Besonders freuen wir uns, wenn Ehemalige zu Proben und zu Aufführungen hereinschauen, die momentane Arbeit kritisch betrachten und ihre Nachfolger ermahnen, doch die erreichte Qualität zu wahren und weiterzuentwickeln.
In Verbindung mit dem Seminarfach ist es möglich, begleitende dramaturgische Arbeit zu leisten, Programmhefte zu erstellen und die Öffentlichkeitsarbeit zu planen. Das Sponsoring gehört mittlerweile auch dazu.
Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft, angesichts der stark verdichteten Turbo-Stundenpläne, Schüler motivieren können, sich in der Musical- Arbeit zu engagieren. Dabei sind wir fest davon überzeugt, dass Theaterarbeit in der Schule beileibe kein nettes Beiwerk bedeutet, sondern eine ganz wesentliche Komponente der Persönlichkeitsbildung darstellt. Jeder, der einmal eine Premiere auf der Bühne erlebt hat, weiß, wovon wir reden.

Musical-Arbeit am Mariengymnasium Jever - ein kleiner historischer Abriss

Als bei den Beratungen zum Programm anlässlich der 425 –Jahr – Feier des Mariengymnasiums Jens Marnowsky vorschlug, doch auch Musiktheater zu produzieren, hieß es: „Was denn, etwa Telemanns Schulmeister- Kantate?“ Nein, nicht ganz. Zusammen mit Gertraud Melchers – Rothenberg wurde ein Musical zum Thema Vampire auf die Bühne des Dannhalms gebracht, das den Beginn der jetzigen Musical-Ag bedeutete. Im Jahre 2000 wurde die Arbeit dann mit dem Stück „Rue Joubert“ fortgesetzt, einer Produktion nach dem Klassiker „Das Sparschwein“ von Labiche.

Danach ruhte die Arbeit einige Jahre, weil die Arbeit von zwei Personen allein nicht mehr leistbar war ( Musik und Texte schreiben, Band betreuen, Proben, Bühnenbau, Choreographie, Werbung, Verwaltung).
Im Jahre 2005 wurde die Arbeit im Bereich Musical wieder aufgenommen: Man wagte sich an die Produktion des Berliner Kult-U-Bahn-Musicals "Linie 1", das seinen Ursprung im Grips-Theater hat. Rund 40 Schülerinnen und Schüler beteiligten sich in verschiedensten Bereichen, angefangen bei der Gestaltung des Bühnenbildes über Schauspiel, Gesang, Tanz und Band. Das Leitungsteam hatte sich vergrößert: Neben Jens Marnowsky (Regie, Chorleitung) und Gertraud Melchers-Rothenberg (Choreographie) waren jetzt auch Anne Holzapfel mit Gregoire Fischer (Bühne) und Klaus Wagner (Band) mit ins Boot gekommen. Der Premiere dieses waghalsigen Versuchs, eines der (weltweit!) meistgespielten deutschen Musiktheaterwerke auf die Jeversche Bühne zu bringen, fieberten alle Beteiligten entgegen. Und die Mühe wurde belohnt: Vier ausverkaufte Vorstellungen im Theater am Dannhalm im März 2006 sowie begeisterte Reaktionen von Publikum und Presse waren Grund genug, die Arbeit fortzuführen.
 
Die folgende Produktion im Jahre 2007 sollte allerdings zunächst etwas kleiner ausfallen, da "Linie 1" doch alle Beteiligten ziemlich viel Kraft gekostet hatte. Ein Theaterstück mit kommentierender Musik von der Band sollte es diesmal sein: Helmut Kraussers "Haltestelle. Geister" war wiederum ein Wagnis, da es sich um ein postmodernes, in vielerlei Hinsicht verstörendes Werk handelt. Menschen treffen sich an einer Bushaltestelle, lieben oder töten, verlieren oder gewinnen sich und werden am Ende vom geheimnisvollen Mann im dunklen Mantel abgeholt – nachdem sie als Geister noch eine Zeitlang das Geschehen auf der Bühne kommentieren durften, da sich die Bushaltestelle als eine Art Station zwischen den Welten entpuppt. Die Musik dazu lieferten thematisch verwandte Popsongs, aber auch ein kleines Lied, das 2003 im Rahmen eines Kurses im Fach "Darstellendes Spiel" am Mariengymnasium entstanden war – die Vertonung eines Krausser-Gedichts durch den damaligen Referendar Klaus Wagner, das der Dichter selbst in einer von MG-Schülerinnen gesungenen Fassung auf sein 2004 erschienenes Hörbuch "Amouren" setzen ließ, da es ihm so gut gefiel.
 Die "kleine" Produktion, die auf Grund ihres intimeren Charakters in der Aula des Gymnasiums gespielt wurde, sollte sich jedoch als weit größerer Erfolg entpuppen: Neben drei Zusatzvorstellungen in Jever brachte es der Gruppe auch die erste von bislang insgesamt drei Einladungen zu den Schultheatertagen (heute: Jugendtheatertage) des Staatstheaters Oldenburg ein, in deren Rahmen die Schülerinnen und Schüler im Kleinen Haus des Staatstheaters professionell betreut auftreten – tolle Erfahrungen und Auszeichnungen für alle Beteiligten, die man als die bisherigen Höhepunkte der Musical-Arbeit am MG bezeichnen kann.
 
Für das Jahr 2008 überlegte sich die Gruppe etwas Besonderes: Mit dem selbst produzierten Musical "Voll verboten – Die Legende von Micha und Miriam" nahm man sich des Themas Jugend in der DDR an, trat in die Fußstapfen von Filmerfolgen wie "Good Bye Lenin" oder "Sonnenallee" und verpackte all dies in einen Theaterabend mit selbst gemachten Songs und fetzigen Choreographien. Die Arbeit der Vorjahre zahlte sich aus, denn wiederum spielte man vor ausverkauftem Theatersaal am Dannhalm und reiste nach Oldenburg. Neu war diesmal die Koppelung der Arbeit am Theaterstoff mit intensiver Hintergrundrecherche im Rahmen der Seminarfächer - hier lernten die Schülerinnen und Schüler nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne vieles über die Geschichte der DDR; die Musical-Arbeit am Mariengymnasium findet also schon lange nicht mehr nur außerhalb des normalen Unterrichts statt, sondern versteht sich als entscheidender Bestandteil des schulischen Bildungsauftrags.
 
Dass dies zumindest in einigen Fällen durchaus gelingt, zeigen nicht zuletzt auch die Ergebnisse der Arbeit, die nicht unmittelbar auf der Bühne zu sehen sind: Neben der wichtigen Erfahrung, in einem Team zu arbeiten und im Dienste einer gemeinsamen Sache körperlich und geistig aus sich heraus zu gehen, werden und wurden Teilnehmer der AG auch direkt in ihrer Berufswahl beeinflusst – so begannen bislang zwei der der Ehemaligen ein Musikstudium, einer besucht seit dem letzten Herbst die Schauspielschule und ein anderer entschied sich nach seinen Erfahrungen als Techniker für eine Ausbildung zur Fachkraft für Veranstaltungstechnik an einer großen deutschen Musical-Bühne.Auch die aktuelle Besetzung hat es in sich: Einige der Band –Mitglieder z. B. sind jetzt bereits seit 2005 ununterbrochen dabei und sind nebenbei nicht nur in außerschulischen Bands der Region aktiv, sondern nehmen z. T. bereits an überregionalen Jazz-Workshops teil bzw. planen nach dem Abitur ein Musikstudium.
 
Auch weiterhin verändert sich die Musical-Arbeit am MG: So ist es in diesem Jahr gelungen, im Rahmen der Teilnahme an dem mittlerweile zu einem halbjährigen Projekt herangewachsenen Jugendtheatertagen eine Patenschaft mit dem Jugendclub des Oldenburgischen Staatstheaters zu erhalten; diese beinhaltet zusätzlich zu dem damit verbundenen Gastspiel in der Exerzierhalle am Pferdemarkt ein interessantes Programm aus gemeinsamen Theaterbesuchen, Gesprächen mit den Schauspielern oder auch gemeinsamer Probenarbeit unter der Anleitung professionellerRegisseure.
 
Ganz in der Tradition unserer bisherigen Arbeit, die großen menschlichen Stoffe nicht in Königsschlössern, sondern eher in etwas heruntergekommenen öffentlichen Räumen bei ganz normalen Menschen zu suchen, die im Leben zu bestehen versuchen, steht auch unsere neue Produktion, bei der wir eine zwar noch recht junge, aber bereits zum Klassiker gewordene Komödie heranziehen, deren Inhalt nur oberflächlich etwas frivol erscheint, in Wahrheit jedoch ganz andere Untiefen der Figuren freilegt.
 
Natürlich gibt es auch für die Musical-AG große Hürden, die in jedem Jahr neu zu überwinden sind: Da ist zunächst einmal das Problem der knappen zur Verfügung stehenden Zeit, die es nötig macht, den Löwenanteil der Arbeit Freitags ab 13.00 bis in den späten Nachmittag hinein oder auf Wochenenden zu legen; zu Zeiten der Abiturprüfungen wird es jedes Jahr verständlicher Weise schwieriger, die Gruppe auf dem erreichten Niveau zu halten, da es gerade viele Schüler der oberen Jahrgangsstufen sind, die das Ensemble tragen. Auch die Kosten für eine solche Produktion sind nicht zu unterschätzen, bedenkt man das Bühnenbild, technisches Equipment für die Musik oder das Licht sowie Kostüme. Zum Glück wird die AG hier von vielen Seiten unterstützt, sei es von zahlreichen Firmen der Region oder von Eltern und Ehemaligen des Mariengymnasiums.
 
Es sind also viele Anstrengungen nötig, bevor ein Musical über die Bühne gehen kann – der wichtigste Punkt hierbei sind jedoch die Schülerinnen und Schüler, die sich jedes Jahr wieder auf dieses Abenteuer einlassen und viel Zeit und Energie aufbringen. In diesem Sinne hoffen wir auf weitere spannende Zeiten, denn die ersten Überlegungen für das kommende Jahr laufen bereits…!
 
Jever, im Mai 2009

Musical-AG des Mariengymnasiums Jever • Terrasse 3 • 26441 Jever | Telefon: 04461 9313-0